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24 Juni 2026 von lbigmr

„Drei Klicks und man ist drin“

Rund 125 Besucher:innen kamen trotz hochsommerlicher Temperaturen in den Festsaal der Diplomatischen Akademie Wien, um über Manosphere, Tradwives, digitale Gewalt und die Zukunft der Gleichberechtigung zu diskutieren.

Der Abend, organisiert vom Ludwig Boltzmann Institut für Grund- und Menschenrechte (LBI-GMR) in Kooperation mit Amnesty International Österreich, der Österreichischen Liga für Menschenrechte, der Universität Wien und der Diplomatischen Akademie Wien, verband wissenschaftliche Analysen, zivilgesellschaftliche und politische Perspektiven sowie persönliche Erfahrungen.

Ursula Kriebaum (Universität Wien) erinnerte daran, dass digitale Innovationen häufig von Menschen entwickelt werden, die die gesellschaftliche Vielfalt nicht abbilden. Dennoch sei der digitale Raum auch ein Ort neuer Teilhabechancen. Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner betonte in einer Videobotschaft die Bedeutung von Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung im digitalen Raum.

Durch den Abend führte Kathrin Pollak (ORF), die mit präzisen Nachfragen und pointierten Einordnungen die Spannungsfelder der Debatte sichtbar machte. Eine spontane Einschätzung des Panels zur Wahrnehmung von Gleichstellung zeigte ein deutliches Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Backlash.

Queere Räume unter Druck

Steffi Stanković, Comedian und Transaktivistin, schilderte eindrücklich, wie sich soziale Medien für queere Menschen verändert haben. Was einst ein geschützter Raum war, sei heute von Bullying, Misogynie und Queerfeindlichkeit geprägt. Sie sprach offen über ihre männliche Sozialisation in Serbien: „Mir wurde immer gesagt, was ich nicht sein darf: Sei kein Mädchen, weine nicht.“ Diese Form der negativen Abgrenzung präge bis heute viele Männer – und schaffe eine Leerstelle, die rechte Influencer gezielt füllen.

In der Diskussion wurde dieser Punkt vertieft: Männer würden häufig über die Abwertung des Weiblichen sozialisiert – „Du wirfst wie ein Mädchen“. Romeo Bissuti, klinischer Psychologe und Leiter des Männergesundheitszentrums MEN, stimmte zu: „Nahezu alle Männer haben Angst, zu weiblich zu sein.“ Stanković’ Fazit fiel düster aus: Die Angriffe auf Transpersonen hätten ein Ausmaß erreicht, das sie „auf zehn sehr gefährliche Jahre“ einstimme.

Warum antifeministische Inhalte so leicht Reichweite gewinnen

Romeo Bissuti erklärte, wie schnell junge Männer in die Manosphere geraten: „Drei Klicks und man ist drin.“ Algorithmische Systeme überfluteten sie mit einfachen Antworten und klaren Feindbildern.

Gleichzeitig warnte er davor, Burschen pauschal als Problemgruppe zu sehen. Viele suchten Orientierung, und Gleichstellung könne sich für manche wie ein Verlust anfühlen, weil Privilegien oft unsichtbar seien. Bissuti sprach über die „Kosten des Patriarchats für Männer“ – von emotionaler Verarmung bis zu rigiden Rollenbildern – und betonte die Bedeutung gut finanzierter Männerberatung. Rechte Bewegungen seien erfolgreich, weil sie Ideologie und Emotion besonders effektiv verbinden.

Digitale Gewalt und strukturelle Macht

Fiorentina Azizi-Hacker, Leiterin von #GegenHassimNetz (ZARA), berichtete aus der Beratungsarbeit. Die meisten Betroffenen seien Frauen oder mehrfach diskriminierte Personen. Das häufigste Muster sei Silencing: Menschen ziehen sich aus Angst vor Angriffen aus dem öffentlichen Diskurs zurück. Digitale Gewalt reiche „bis ins Schlafzimmer“ und habe reale Folgen für demokratische Teilhabe.

Viele Inhalte seien „awful but lawful“ – schädlich, aber nicht strafbar. Das zeige die Grenzen des Strafrechts. Azizi-Hacker plädierte für mehr Transparenz bei Algorithmen, stärkere Regulierung und eine bessere Ausstattung von Organisationen, die Betroffene unterstützen.

Tradwives, Gender-Reveal-Partys und die Ungleichzeitigkeit des Fortschritts

Elisabeth Holzleithner (Universität Wien) analysierte den Tradwives-Trend und die Rückkehr traditioneller Rollenbilder. Gender-Reveal-Partys seien ein „Bild für die Katastrophe des Geschlechterkorsetts“ – für nicht-binäre Identitäten gebe es darin keinen Platz.

Sie sprach von einer „Ungleichzeitigkeit“ digitaler Entwicklungen: Nie zuvor seien queere und feministische Stimmen so sichtbar gewesen, gleichzeitig erlebten antifeministische Narrative enorme Popularität. Auch die Debatten um die Istanbul-Konvention zeigten, wie sehr Geschlechterpolitik zum politischen Kampfplatz geworden sei.

Politische Dimensionen und Ausblick

Sigrid Maurer, stellvertretende Klubobfrau der Grünen, ordnete die Entwicklungen politisch ein. Gleichstellung verlaufe in Wellen – und derzeit gehe die Bewegung klar rückwärts. Antifeministische Narrative seien zunehmend politisch anschlussfähig, und digitale Plattformen verfügten über eine Machtkonzentration, die demokratische Prozesse beeinflusse.

Maurer betonte die Schieflage in der Präventionsarbeit: Während mittlerweile viel in Empowerment-Materialien für Mädchen investiert worden sei, gebe es für Jungen deutlich weniger solcher Angebote. Männerberatung müsse dauerhaft finanziert werden. Bemerkenswert war ihr offener Positionswechsel: Ein Social-Media-Verbot habe sie früher abgelehnt, heute halte sie es – ähnlich wie bei anderen Suchtmitteln – für notwendig, um Jugendliche zu schützen.

In der Publikumsdiskussion ging es um Desinformation, Medienkompetenz und geschlechterbezogene Gewalt. Desinformation funktioniere so gut, weil sie Menschen emotional abhole und ihre Bedürfnisse gezielt für antidemokratische Ziele ausnutze, erklärte Bissuti. Mehrere Stimmen betonten, dass Empowerment oft in einer Blase stattfinde und Männer stärker einbezogen werden müssten.

Der Abend machte deutlich, wie umkämpft digitale Räume sind. Fortschritt und Backlash existieren gleichzeitig, und die Frage, wie wir digitale Öffentlichkeit gestalten, ist eine zentrale demokratische Herausforderung. Gleichberechtigung wird sich nicht allein durch Gesetze oder technische Innovationen durchsetzen. Entscheidend ist, ob Politik, Bildungseinrichtungen, Zivilgesellschaft – und nicht zuletzt die Plattformbetreiber – Verantwortung übernehmen.