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30 Apr. 2026 von lbigmr

Lieferketten zwischen Menschenrechten und Wettbewerbsdruck

Human Rights Talk an der Diplomatischen Akademie Wien beleuchtet EU-Lieferkettenrichtlinie zwischen Fortschritt und politischer Abschwächung

Die EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) war kaum beschlossen, da stand sie bereits wieder unter Druck. Bei einem Human Rights Talk diskutierten Expertinnen am 28. April 2026 über eine Regulierung, die ursprünglich als Meilenstein für Menschenrechte und Umwelt gedacht war und nun, noch vor ihrem Inkrafttreten, spürbar abgeschwächt wurde. Moderatorin Birgit Dalheimer (Radio Ö1) führte durch einen Abend, der zeigte, dass unternehmerische Verantwortung entlang globaler Lieferketten keineswegs ein politisches Randthema sind – was auch das große Interesse von rund 100 Teilnehmer:innen eindrücklich bestätigte.

Bereits in der Begrüßung machte Angelika Hatzl (Amnesty International Österreich) deutlich, worum es im Kern geht: um Menschen. Lieferketten seien kein technisches Detail, sondern ein Prüfstein dafür, ob Europa seine menschenrechtlichen Ansprüche ernst nimmt. Spätestens seit dem Einsturz von Rana Plaza sei sichtbar, wie eng europäischer Konsum mit prekären Arbeitsbedingungen im Globalen Süden verknüpft ist. Umso größer sei die Sorge, dass Schutzstandards nun wieder aufgeweicht werden.

Eine Richtlinie zwischen Anspruch und Abschwächung

In ihrer Keynote zeichnete Camilla Haake (LBI-GMR) die Entwicklung unternehmerischer Sorgfaltspflichten historisch und rechtlich nach. Sie ordnete die EU-Lieferkettenrichtlinie in die internationale Menschenrechtsarchitektur ein – von den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte bis zu europäischen Nachhaltigkeitszielen – und erläuterte die wesentlichen Elemente der Regelung.

Zentrale Teile der ursprünglichen Richtlinie seien jedoch im sogenannten Omnibus-Prozess bereits wieder zurückgenommen oder abgeschwächt worden. Damit sei ein Instrument verändert worden, noch bevor es praktische Wirkung entfalten konnte.

Haake warnte davor, wirtschaftspolitische Vereinfachung gegen Menschenrechte auszuspielen. Ein „einfacheres und schnelleres Europa“ dürfe nicht zulasten sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit gehen. Entscheidend werde nun sein, wie die Mitgliedstaaten die verbleibenden Spielräume bei der Umsetzung nutzen.

Risiken liegen in den Tiefen der Lieferketten

Im anschließenden Panel wurde schnell klar, dass die größten Risiken dort entstehen, wo Transparenz am geringsten ist. Haake sprach von den „Enden der Lieferketten“, Felicitas Hinkis (Lidl Österreich) von den „Tiefen“, in denen Menschenrechtsverletzungen und Umweltprobleme besonders häufig auftreten. Gerade dort seien Sorgfaltspflichten am notwendigsten und zugleich am schwierigsten umzusetzen. Dennoch sollten Unternehmen ihre Verantwortung auch über die sogenannte „first tier“ der Lieferkette, also die direkten Geschäftspartner, hinaus begreifen.

Bettina Rosenberger (Netzwerk Soziale Verantwortung) lenkte den Blick auf den Anhang der Richtlinie, der festlegt, welche Menschenrechte und Umweltstandards geschützt sind. Viele zentrale Dokumente, etwa die Europäische Menschenrechtskonvention oder die UN-Frauenrechtskonvention, seien nicht enthalten. Das schaffe rechtliche Graubereiche: „Alles, was nicht im Anhang steht, wird nicht geschützt.“ Auch Klimabelange seien nur unzureichend berücksichtigt.

Unternehmen zwischen Eigeninitiative und Rechtsunsicherheit

Auf die Frage, was sich durch die Richtlinie für ihr Unternehmen ändere, antwortete Hinkis überraschend nüchtern: „Für uns ändert sich wenig.“ Lidl verstehe sich als Vorreiter und arbeite seit Jahren mit einem risikobasierten Ansatz, setze Zertifizierungen ein und führe Human Rights Impact Assessments in Hochrisikoregionen durch. Besonders wichtig sei das Schließen der Lohnlücke zwischen Mindestlohn und existenzsicherndem Einkommen, etwa im Bananen- und Kakaoanbau.

Gleichzeitig machte Hinkis deutlich, dass freiwillige Maßnahmen Grenzen haben. Ohne einheitliche EU-Regeln drohten Wettbewerbsnachteile. Viele Lieferanten, oft kleine und mittlere Unternehmen, seien zudem mit einer Vielzahl an Regulierungen konfrontiert. Das Hin und Her rund um die CSDDD erschwere die Zusammenarbeit zusätzlich.

Wettbewerbsfähigkeit als Streitpunkt

Agnes Balthasar Wach (Wirtschaftskammer Österreich) betonte das Bekenntnis der Wirtschaft zu Menschenrechten, warnte jedoch vor überbordender Bürokratie und unklaren Haftungsrisiken. Die CSDDD stehe nicht isoliert, sondern komme zu einer Reihe weiterer Green-Deal-Regulierungen hinzu. Für viele Unternehmen sei die Belastung erheblich, auch für jene, die formal nicht unter die Richtlinie fallen, aber als Zulieferer betroffen sind.

Die WKO hätte eine Beschränkung der Sorgfaltspflichten auf direkte Geschäftspartner bevorzugt. Dass dies nicht umgesetzt wurde, sei ein verpasstes Signal der Entlastung.

Ein engagiertes Publikum

Die Publikumsdebatte bestätigte die zuvor skizzierten Konfliktlinien. Einige sahen in der Richtlinie einen wichtigen Hebel für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln. Andere betonten die Rolle der Konsument:innen oder verwiesen auf die geopolitische Dimension europäischer Regulierung. Auch Kritik an europäischen Vorgaben wurde laut: Strenge Audits führten teils zu einseitigen Belastungen im Globalen Süden.

Hinkis widersprach dem und verwies auf die Bedeutung lokaler Partnerschaften. Rosenberger erinnerte daran, dass die CSDDD auch Menschen in repressiven Kontexten stärken könne. Balthasar Wach warnte hingegen davor, dass Unternehmen sich gezwungen sehen könnten, Lieferbeziehungen in bestimmten Ländern abzubrechen.

Fazit: Mehr als eine technische Richtlinie

Der Abend machte deutlich, dass die Debatte um Lieferketten weit über juristische Detailfragen hinausgeht. Sie berührt grundlegende Fragen globaler Verantwortung, wirtschaftlicher Macht und politischer Gestaltungskraft. Nachhaltige Märkte werden nur möglich sein, wenn die Bedingungen entlang der Lieferketten sichtbar bleiben, damit menschenrechtliche Verpflichtungen tatsächlich durchgesetzt werden können.